Experiment Wintertheater ist gelungen

Von Joachim Kinzinger

Weinsberg - Strahlende Gesichter der Darsteller im Scheinwerferlicht nach der Premiere, ein glücklicher Regisseur, Lob von Zuhörern. Das Experiment Wintertheater ist gelungen. Mit dem "Totentanz" von Alois Lippl hat der Theaterverein Weinsberg auf der Grasfläche am Grasigen Hag hinter der Johanneskirche überzeugt. Zumal alle Darsteller textsicher sind und die verschiedenen Charaktere ausdrucksstark darstellen.

Eine Stunde vor der Premiere am Mittwochabend knistern in Fässern die Holzscheite. Gerald Trinckauf vom Theaterverein kontrolliert die Lichttechnik: "Alles stimmt." Für ihn ist die beleuchtete Johanneskirche das beste Bühnenbild. Regisseur Dr. Uwe Deuster ist aufgeregt: "Das ist mehr als Lampenfieber." Das Experiment, im November draußen zu spielen, gleicht einer besonderen Herausforderung. Deuster hat mit Sabine Trinckauf die Gesamtleitung. Ideales Wetter: trocken, nicht zu kalt. Über 80 Zuschauer auf Stühlen und Bänken hüllen sich in Decken. Die Atmosphäre vor der Mauer und dem Gotteshaus mit Licht und Schatten ist einzigartig. Ideal passt die spartanische Bühnenausstattung zur Spielstätte.

  

Auflockerung Zur Auflockerung schreiten die Darsteller vor dem Stück durch die Reihen. Der Bettler (Uli Otter) bittet um milde Gaben. Alle Wünsche kann die Krämerin (Petra Schlampp) nicht erfüllen: "Ihr benötigt eine Wärmflasche, das tut mit leid." Der Landsknecht (Boris Gau) schüchtert ein: "Die Losung sag mit geschwind, sonst trifft dich der Hieb."

Punkt 19.30 Uhr schlägt die Johanneskirche. Der "Totentanz" beginnt. Das Stück von Alois Lippl ist ein religiöses Stück mit dem Anliegen, den Zuschauern den Respekt vor Gott und Kirche wieder näher zu bringen und den Herrgott als allmächtig anzuerkennen. Gott ruft den Tod zu sich, damit er auf Erden einen Gerichtstag abhält, Menschen richtet, vom Bettler bis zum Kaiser.

"Er kennt keinen Aufschub", sagt Spruchsprecher Matthias Weller. Auf der Kirchenmauer spielt Volker Bareiß den Tod. Auf der Rasenfläche Matthias Pfitzenmaier, ein erfahrener Laiendarsteller bei den Weibertreu-Festspielen. Weißes Gesicht, schwarze Augen, dunkler Umhang: Hauptdarsteller Pfitzenmaier verkörpert den Tod charismatisch, unerbittlich und faszinierend: bedrohlich, sarkastisch lachend, mitfühlend, erlösend - eine starke Leistung. Pfitzenmaier holt alle: "Deine Zeit ist um."

Das Ensemble agiert kraftvoll und enthusiastisch. Der besoffene Vogt (Harald Schmolinger) muss erkennen, dass "gut fressen und saufen" nicht alles ist. In der Hoffnung, nicht mehr betteln zu müssen, tritt Bettler (Uli Otter) die letzte Pilgerfahrt an. Selbst mit dem Tod will Krämerin (Petra Schlampp) noch ein Geschäft machen. Im Kampf verhaucht der Landsknecht (Boris Gau) seine Seele. Frau Mutter (Marina Herbrik) folgt ihrem kranken Baby: "Nehmt mich gleich mit." Die Buhlerin (Susanne Ruboks-Thelo) zertanzt mit Pfitzenmaier Leib und Seel. Herre Kaiser (Andreas Jäger) richtet sich selbst.

 

Viel Beifall gibt es für eine tolle Leistung auf der Naturbühne. "Es hat mir sehr gut gefallen", sagt Hannelore Hilgarth aus Ilsfeld. "Gewagt und gewonnen", erklärt Karin Ruboks aus Untereisesheim. Auch die musikalische Begleitung habe die beklemmende, nachdenkliche Stimmung unterstrichen. Regisseur Heinz Kipfer vom Heilbronner Theaterschiff spricht von einem anspruchsvollen Stück, gut getroffenen Charakteren, einer Aufführung ohne Versprecher. "Der Tod war toll", lobt Kipfer besonders Pfitzenmaier. Auch Regisseur Deuster stahlt: "Ich bin glücklich."

Quelle: Heilbronner Stimme, 20.11.2009; Fotos: Raimund Köcher